ETF-Fondsrente: Komplizierte Werbung oder seriöse Altersvorsorge?
GermanyJanuary 13, 2026

ETF-Fondsrente: Komplizierte Werbung oder seriöse Altersvorsorge?

Eine Werbung für ein ETF-basiertes Rentenprodukt macht aktuell die Runde im Internet, und die Reaktionen reichen von verwirrt bis entrüstet. Das Angebot verspricht massiv mehr Geld im Alter, weniger Steuern und stressfreies Sparen. Doch was steckt wirklich dahinter? Die Community hat die Rechnung aufgemacht, und das Ergebnis ist ernüchternd.

Die Werbung, die mehr Fragen als Antworten wirft

Die Grafik, die auf Reddit kursiert, listet fünf Gründe auf, warum eine ETF-Fondsrente (ETF pension plan) angeblich deutlich besser sein soll als ein normales ETF-Depot. Doch die Formulierungen sind bewusst vage und teilweise irreführend. Der Verfasser der Anzeige schlägt vor, dass Versicherungskosten bei der Rente “unterschlagen” werden, was wohl bedeuten soll, dass sie steuerlich abzugsfähig sind. Die Rede ist von 25% Steuern beim “Wechsel” von ETFs und von “Stress durch Vorabpauschale” (advance lump-sum tax).

Die Kommentare unter dem Post sprechen eine klare Sprache: Das Produkt ist keine Wunderwaffe, sondern eine teure Nettopolice (net policy) mit verpackten Kosten. Ein Nutzer bringt es auf den Punkt: “Die Abschluss- bzw. Policekosten (policy costs) wiegen schwerer als die Steuervorteile.”

Ein älteres Paar vor einem Laptop
Ein älteres Paar vor einem Laptop

Die versteckten Kosten, die keiner sehen will

Der springende Punkt ist nicht die Steuer, sondern die Kostenstruktur. Bei einer Nettopolice zahlst du zu Beginn hohe Abschlusskosten (upfront fees), oft mehrere Tausend Euro, die sich über die gesamte Laufzeit verteilen. Der Verkäufer verdient daran, nicht an deiner Rendite. Wie ein Kommentar richtig bemerkt: “Der Verkäufer möchte mit den schönen Bildchen und etwas Panikmache mehrere tausend Euro Provision einstreichen. Bei hohen Sparplänen mit langer Laufzeit sind es auch fünfstellige Beträge.”

Eine detaillierte Rechnung, die ein Nutzer mit seinem Controlling-Schwiegervater durchgeführt hat, kam zu einem ernüchternden Ergebnis: Über 40 Jahre liegt die ETF-Fondsrente rund 30.000 Euro schlechter als ein eigenes ETF-Depot. Der Unterschied mag auf den ersten Blick nicht gigantisch erscheinen, aber er zeigt: Das Produkt ist nicht für dich, sondern für den Anbieter optimiert.

Die Steuer-Lüge: Warum 25% ein Märchen sind

Die Werbehilfe suggeriert, dass du beim Wechsel zwischen ETFs 25% Steuern auf das gesamte Kapital zahlen müsstest. Das ist schlicht falsch. Die Abgeltungssteuer (withholding tax) von 25% plus Soli und ggf. Kirchensteuer fällt nur auf realisierte Gewinne an, nicht auf das eingesetzte Kapital. Und selbst das ist nur die Theorie.

In der Praxis greift die Teilfreistellung (partial exemption) von 30% für Aktien-ETFs. Das bedeutet: Nur 70% deiner Gewinne werden überhaupt besteuert. Wechselst du von einem thesaurierenden ETF zu einem anderen, was bei einer Buy-and-Hold-Strategie ohnehin selten nötig ist, zahlst du nur auf die Gewinne, die du tatsächlich realisierst. Die Werbung ignoriert dies vorsätzlich.

Noch absurder: Die Vorabpauschale wird als Stressfaktor dargestellt. In Wahrheit berechnen inländische Broker sie automatisch. Du musst lediglich sicherstellen, dass genug Geld auf dem Verrechnungskonto ist, falls dein Freistellungsauftrag (tax exemption order) nicht ausreicht. Das ist keine Hexerei, sondern Standardprozedur.

Die Inhaltsangabe: Ein Sammelsurium von Halbwahrheiten

Die fünf Punkte der Werbung zerfallen bei genauerer Betrachtung:

  1. “Keine Steuern während der Ansparphase”, Richtig, aber bei einer thesaurierenden ETF-Variante ebenso. Der Zinseszins bleibt unberührt.
  2. “Kein Stress durch Vorabpauschale”, Der Stress ist fiktiv, wie oben erläutert.
  3. “Kein Stress durch Umschichtung”, Wer braucht schon Umschichtungen bei einem Welt-ETF?
  4. “Steuerliche Optimierung bei Entnahme”, Hier wird die Besteuerung mit dem persönlichen Grenzsteuersatz (marginal tax rate) statt mit der Abgeltungssteuer beworben. Das kann bei niedrigem Einkommen im Alter vorteilhaft sein, bei hohen Renten ist es aber kontraproduktiv.
  5. “Kein Erbschaftsstress”, Der Hinweis auf den Erbschein (certificate of inheritance) ist Panikmache. Ein handschriftliches Testament reicht in den meisten Fällen aus. Die Erbschaftssteuerfreibeträge bleiben unberührt.

Kurz: Die meisten “Vorteile” lösen Probleme, die bei einer vernünftigen DIY-Strategie gar nicht gibt.

Wann macht so ein Produkt überhaupt Sinn?

Die harte Wahrheit: Fast nie. Der einzige valide Grund, den die Community nennt, ist Disziplin. Wenn du weißt, dass du bei einem Markteinbruch panikverkaufst, dann kann eine Police mit Beitragsgarantie (contribution guarantee) eine emotionale Absicherung sein. Du zahlst für die mentale Stabilität, und das ist legitim.

Aber: Wenn du bereit bist, ein einfaches ETF-Sparplan (ETF savings plan) bei einem günstigen Broker zu besparen, die Finger davon zu lassen und die Buy-and-Hold-Strategie durchzuhalten, kommst du finanziell besser weg. Die 30.000 Euro Differenz sind kein Pappenstiel, und das bei gleichem Marktrisiko.

Die bessere Alternative: Mach es selbst

Die Lösung ist simpler als die Versicherungsindustrie gerne zugibt:

  1. Eröffne ein Depot bei einem günstigen Broker (z.B. Smartbroker, Scalable Capital oder Traderepublic)
  2. Wähle einen breit gestreuten thesaurierenden ETF auf den MSCI World oder FTSE All-World
  3. Richte einen Sparplan mit monatlicher Rate ein
  4. Nutze deinen Freistellungsauftrag von 1.000 Euro jährlich (bzw. 2.000 Euro für Paare)
  5. Halte durch, mindestens 15 Jahre, besser 30

Der Total Expense Ratio (TER) liegt bei günstigen ETFs bei 0,12% bis 0,20% pro Jahr. Die Vorabpauschale ist ein Papierkrieg, den der Broker für dich erledigt. Und beim Entnehmen im Alter kannst du gezielt Anteile verkaufen, um den Steuersatz zu optimieren, ganz ohne teure Police.

Fazit: Marketing schlägt Mathematik, aber nur kurz

Die ETF-Fondsrente ist ein Produkt für den Verkäufer, nicht für den Kunden. Die versprochenen Steuervorteile werden durch hohe Abschlusskosten und laufende Gebühren aufgefressen. Die suggerierten Probleme (Stress, Umschichtungen, Erbschaft) sind entweder irrelevant oder lassen sich mit minimaler Eigenorganisation lösen.

Wer diszipliniert sparen kann, spart mit einem eigenen ETF-Depot langfristig mehr. Wer es nicht kann, zahlt für die Disziplin, und das ist okay, solange man es weiß. Aber die Werbung verschweigt diesen Trade-off bewusst. Das sollte misstrauisch machen.

Die Community hat es schon erkannt: “Die Waage lügt nicht.” In diesem Fall wiegt das Produkt zu viel und zu teuer.